Durch meinen Beitrag über Copywriting: Manipulative Marketing-Methoden und psychologische Tricks habe ich viele Mails erhalten. Immer wieder wurde ich gerade von jüngeren (U21) gefragt, ob bestimmte Hochpreis-Coaching-Anbieter seriös sind oder ob es sich dabei um Betrug bzw. Scam handelt.

Es vergeht kein einziger Tag, an dem nicht irgendein Heilsversprechen in die Timeline gespült wird. Die Werbeanzeigen, kalten Mails und Landingpages sehen fast immer gleich aus.

Ich habe fast ein Jahr lang täglich Anbieter recherchiert und habe nun eine Checkliste zusammengestellt. Wenn mehrere Punkte erfüllt sind, bloß nicht auf ein Telefongespräch einlassen. Unerfahrene können nur verlieren.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von giphy.com zu laden.

Inhalt laden


Benötigte Zeit: 1 Stunde.

Checkliste Wie man unseriöse Coaches, Berater, Marketer und Anbieter von Videokursen erkennen kann

  1. Videotestimonials

    Videotestimonials sind extrem wirkmächtig, wenn sie richtig umgesetzt sind. Sie werden vornehmlich bei besonderer Skepsis eingesetzt werden. Es stellt sich also immer die Frage, wieso jemand gezielt Videotestimonials einsetzt.

    Im ,,betrügerischen“ Kontext werden Videotestimonials gern eingesetzt, weil der audiovisuelle Reiz des Videos hervorragend über schwache Inhalte hinwegtäuscht.
    Ein floskelhafter Text fällt viel eher auf, obwohl ein Video genauso inhaltsleer sein kann.
    – Hat das Angebot vllt. an anderer Stelle zu wenig Proof, was kompensiert werden muss?
    – Soll eine hohe Anzahl von Testimonials, durch die man sich durchscrollen muss, einschüchternd wirken? Sind die Testimonials für sich allein genommen auch so überzeugend?
    – Wird die Person mit vollständigem Namen genannt, sodass bei Google recherchiert werden kann? Wenn ja, ist sie tatsächlich (noch) in der Branche tätig oder bietet sie nun evtl. sogar ein ähnliches Coaching/Produkt an (,,Komplize“)?
    – Würde ein Kunde so überschwänglich/begeistert sprechen?
    – Ist das Video vom Anfang oder Ende der Zusammenarbeit?
    – Ist die Darstellung der Person konkret oder eher vage?
    – War die Person tatsächlich Kunde oder kennt sie das Produkt nur vom Hörensagen, dafür aber den Anbieter? ,,Ich kenne XY jetzt seit…“ bedeutet nicht zwangsläufig ,,Ich bin Kunde bei XY“ (wird liebend gern eingesetzt)
    – Werden Einwände genannt und entkräftet? ,,Am Anfang war ich ja besonder skeptisch, aber …“ Würde ein echter Kunde das auch tun? (besondere Vorsicht)
    – Grinst die Person an unangebrachten Stellen, evlt. sogar wenn es um konkrete Summen und Erfolge geht? Lässt sich hier ein Muster anormaler Verhaltensweisen erkennen? Deutet etwas auf Verlegenheit hin?
    – Verhält sich die Person normal oder wird bei einfachsten Informationen lange überlegt? (Eine Lügenstory braucht mehr intellektuellen Aufwand als ein bloßer Gedächtnisabruf und dauert daher für ungeübte Lügner länger)
    Bei Interview: Stellt der Interviewer unverfängliche Fragen oder möchte er ein ehrliches Feedback? Geht es um erfolgsrelevante Zahlen oder eher um vanity metrics, z.B. Thematisierung von positiven Klickzahlen statt konkretes Umsatzergebnis.

  2. Klassische Testimonials mit und ohne Foto

    – Im Zweifelsfall Bildadresse kopieren und bei Google nach diesem Bild suchen. Häufig werden tatsächlich Stockfotos oder fremde Bilder verwendet, was bedeutet, dass dieser Kunde frei erfunden ist.
    – Vollständiger Name vorhanden? Wenn ja recherchieren, Kriterien siehe oben (Sucheinstellungen für den Namen bei Google: wortwörtlich oder „example“)
    – Ist die Aussage konkret oder werden Floskeln aufgetischt? ,,Hat mir geholfen, auf das nächste Level zu kommen.“
    – Ähneln sich die Testimonials inhaltlich oder vom Stil?
    – Geht es wirklich um das Produkt oder die Dienstleistung, wofür Spezifika bekannt sein müssten?
    – Sind die Kundenergebnisse nachprüfbar?
    – Werden Mitarbeiter oder Komplizen evtl. als Teilnehmer ausgegeben? (sehr beliebt, daher unbedingt Namen recherchieren)

  3. Kein eindeutiges Angebot, sondern nebulöse Versprechen sowie Mystifizierung

    – Ist es eindeutig und wird klar kommuniziert, was genau angeboten wird, wie die Konditionen sind und was alles enhalten ist?
    – Wird um das konkrete Angebot herumgetänzelt?
    – Ist das Angebot mit Fakten präsentiert und dadurch vergleichbar oder wird nur eine vage Transformation angepriesen, deren Werkzeuge ungenannt bleiben?
    – Angebot ist nebulös und ein Mysterium, über das man ausschließlich in einem persönlichen Gespräch erfahren kann (manchmal nichtmals dann) 

  4. Vertrauensaufbau mit irrelevanten Siegeln und Logos

    – Sind die verwendeten Trustbadges etc. wirklich relevant für das Angebot oder die Branche des Unternehmens/Anbieters? (Interessensverbände von Unternehmen spielen für Verbraucher und Kunden keine Rolle, ebenso der Tierschutzverein)
    – Werden die Logos und Siegel in einen Kontext eingeordnet oder sollen sie nur für sich sprechen und evtl. unkommentiert Eindruck schinden?
    – Soll mit irrelevanten Badges über mangelnde Kundenerfolge hinweggetäuscht werden?

  5. ,,Bekannt aus“: Angabe von Presseerwähnungen, die tatsächlich aber native advertising/Werbung sind (sehr beliebt)

    – Hat das Unternehmen Werbeplätze bei Forbes, Handelsblatt, Focus, Stern, NTV etc. gekauft und suggeriert mit Formulierungen wie ,,Bekannt aus“, es sei Teil des redaktionellen Inhalts gewesen? (Damit Werbeanzeigen nicht irreführend sind, müssen sie gekennzeichnet werden, bezahlte Artikel sind daher markiert als Anzeige oder Anzeigensonderveröffentlichung.)

  6. Expertenstatus

    – Selbstbezeichnung als Experten
    Gekaufte Auszeichnungen, zur Manifestation des Expertenstatus‘
    – Gekauft Shoutouts/Testimonials von Prominenten
    – Keine Veröffentlichung in tatsächlichen Expertenmedien
    – Kein Kontakt oder Überschneidung zu wirklichen Branchenexperten
    – Keine großen/repräsentativen Kunden (die haben Experten nämlich vorzuweisen)
    – Keine fachlichen Veröffentlichungen oder Blogbeiträge, die über neuverpackten common sense hinausgehen

  7. Content Marketing ohne Content (extrem beliebt und perfide bei der Hochpreis-Abzocke mit Coachings in Form von Videokursen)

    – Sehr lange, häufig aber inhaltsleere Videos
    – Regelrechte Überflutung mit produzierten Inhalten in den sozialen Medien
    – Keine sachlichen Fachinhalt, sondern Schwadronieren und Überemotionalisieren aus der Vogelperspektive
    – Storytelling als Leitmotiv (so funktioniert Indoktrination spielend leicht)
    – Sind Gastauftritte/Interviews fingiert und u.U. zum eigenen Vorteil geskriptet?
    – Kaum Blogbeiträge oder Texte (Videos eignen sich durch audiovisuelle Reize besser zur Manipulation, erhalten häufig mehr Reichweite und täuschen durch eine aufwändige Aufmachung über schwache Inhalte hinweg)
    – Selbstpräsentation als Lehrer in autoritären Positionen, z.B. Whiteboard, obwohl das genutzte Medium die Thesen kaum unterstützt?
    Prüffrage: Lässt sich das Video prägnant zusammenfassen und hat dabei trotzdem einen individuellen Wert?
    – Gibt es actionable insights, die sich sofort in die Praxis umsetzen lassen oder brauche ich dafür immer den Coach oder die Dienstleistung?
    – Gibt es an kritischen, relevanten Stellen immer wieder Cliffhanger, an denen dann auf das Angebot verwiesen wird?

  8. Keine Homepage sondern ausschließlich Landingpage

    – Gibt es bei archive.org frühere Versionen der Domain? Inwieweit hat sich das Angebot geändert? Stimmen die Claims über verschiedene Versionen hinweg überein?
    – Wird die Website bei Google gefunden oder ist sie u.U. sogar auf noindex gesetzt? Weswegen sollte man selbst seine Auffindbarkeit freiwillig einschränken?
    – Wie viel Arbeit steckt in der Erstellung? z.B. Clickfunnels Favicon noch vorhanden?
    – Handelt es sich um eine tatsächliche Internetpräsenz oder wird hier mit einer quick and dirty Landingpage ausschließlich bezahlter Traffic abgegrast?
    – Lassen sich über Suchmaschinen Webseiten des Anbieters finden, die nun nicht mehr erreichbar sind? Wie lange bleibt die jetzige Seite noch erreichbar?coaching funnel 404 message

  9. Offensiver Verstoß gegen die DSGVO

    – Einsatz von dutzenden Tracking-Cookies ohne vorherige Einwilligung, schludrige Datenschutzerklärung oder Umsetzung
    – Attitüde: Wo kein Kläger, da kein Richter. Abmahnungen werden mit zum Marketingbudget gerechnet.

  10. Inkonsistentes Angebot / Lückenhafter Lebenslauf mit Umdichtung zum eigenen Vorteil

    – Recherche des Anbieters
    – Erst MLM, dann Flirtcoaching, dann Bitcoin, dann Infoprodukte, dann Dropshipping, dann Social Media Agentur, dann Social Media Coaching?
    – Wurden jedesmal wirklich zufriedene Kunden zurückgelassen?! Warum wird ein funktionierendes Hauptangebot so häufig gewechselt?
    – Ist die eigene Heldengeschichte glaubhaft?
    – Hat der Anbieter jemals Geld mit seiner eigenen Dienstleistung verdient? (Diese Frage wird leider häufig außer Acht gelassen sollte aber um jeden Preis gestellt werden) Wurden mit einem Videokurs spezifische Probleme einer Zielgruppe gelöst oder wurden nur Videokurse erfolgreich an Leute verkauft, die wiederum selbst Videokurse verkaufen?

  11. Sprunghafte Firmengründungshistorie

    – Unternehmensregistercheck: Sitz in Deutschland? (ggf. höhere Chance, Rechtsansprüche zu erwirken)
    – Bereits mehrere UGs oder ausländische Gesellschaften gegründet und anschließend liquidiert? Gibt es ggf. ein Netzwerk, dass immer wieder zusammen agiert?
    – Stimmen die Angaben des Anbieters? Wurde das Unternehmen ggf. geerbt oder sogar gekauft (Mantelgesellschaft) und nicht selbst aufgebaut?

  12. Moralische oder motivationale Legitimation für eigenes Handeln

    – Ist die edle Gesinnung des Anbieters wirklich glaubhaft?
    – Warum werden Kurse angeboten?
    Eine Dienstleistung ohne Zielkonflikt muss nicht legitimiert werden.

  13. Unzureichende formale Ausbildung für die derzeitige Tätigkeit

    – Auch wenn die Heldengeschichte des Autodidakten und Schulabbrechers liebend gern für eigene Zwecke instrumentalisiert wird, gibt es sie in der Realität in den seltensten Fällen. Natürlich hat Mark Zuckerberg in Harvard geschmissen, aber aus welchem Holz muss man geschnitzt sein, um dort hinzukommen?
    – Was qualifiziert den Anbieter also formal für seine Dienstleistung?

  14. Bildung/Mitglied eines Marketing-Syndikats bzw. Kartells

    – Je häufiger ein Mensch einer bestimmten Idee ausgesetzt wird, desto plausibler wird sie für ihn.
    – Ein Syndikat aus gleichgesinnten sorgt dafür, dass die Zielgruppe von allen Seiten mit bestimmten Denkmustern indoktriniert wird. Auf diese Weise etabliert sich eine Anbieter übergreifende, einzig wahre Strategie.
    Der vermutlich wichtigste ,,Glaubenssatz“ ist, dass jeder im Leben das erreichen kann, was er nur möchte und dass die Abkürzung zum Erfolg ein hochpreisiges Coaching ist.
    – Wird dieser Glaubenssatz mithilfe anderer Anbieter mit ähnlichen Angeboten bestärkt?

  15. Hartnäckige Steuerung der eigenen Reputation

    – Werden Bewertungsplatformen genutzt, auf denen Bewertungen nach Gutdünken gelöscht werden können?
    – Wurden gezielt Inhalte erstellt, um kritischen Traffic abzufangen? (z.B. eigene oder Affiliate-Artikel mit Titeln wie ,,XY seriös“ oder ,,Die Wahrheit über XY“)
    – Gibt es bei Google Suchergebnisse mit den Schlagworten „Abzocke“, „Kritik“, „Erfahrung“ o.ä., die selbst erstellt wurden, in denen aber nur (viele Minuten lang) allgemein differenziert wird, ohne konkrete Namen zu nennen?
    – Gibt es obszön viele positive Bewertungen, was untypisch in der Branche ist? Heutzutage sind Kunden Bewertungsmüde und bewerten nur nach Aufforderung. Wie schafft es ein Unternehmen mehr als zehn oder hundertmal so viele Bewertungen wie seine Konkurrenz zu erzielen?
    – Verschwinden kritische Kommentare unter Videos oder auf Bewertungsplattformen?

  16. Das wichtigste zum Schluss: Hochgradig manipulative Methoden

    Die Erkennungszeichen sind zu umfangreich, deswegen habe ich einen separaten Artikel über manipulative Marketing-Methoden geschrieben.

Weitere Ressourcen zum neuen Schneeballsystem/MLM des online Coachings mit der Hochpreisstrategie

https://www.search-one.de/geld-verdienen-im-internet/

https://marcel-schrepel.biz/2020/02/ot-alles-ueber-nervige-coaching-werbung-und-wie-du-sie-loswirst.html

https://www.youtube.com/playlist?list=PLVAXZAd3u87B2ZUPejFfncXuCNwGbF7R6

https://www.seotraininglondon.org/can-you-trust-trustpilot/

https://gauklerbetrug.wordpress.com/

https://wortfilter.de/amazon-co-so-funktioniert-das-coaching-ding/

https://www.magazintraining.com/wenn-abzocker-abzocken-lehren/

5 Comments

Leave a Reply