Wie im Beitrag über unseriöse Coaches und Dienstleister angekündigt, geht es hier über die angewandten, hochgradig manipulativen Methoden von Hochpreis-Abzockern im Internet.

Meistens zielen diese Angebote auf den Beginn oder Ausbau einer Selbstständigkeit als Coach, Berater, Agentur oder E-Commerce Shopbetreiber z.B. mit Dropshipping.

Anders als Betrug oder Scam ist Abzocke vor allem ein Begriff für moralische Abscheu gegenüber überhöhten Preisen. Schon mal Taxi in Rom gefahren? 🚕 Na dann wisst ihr ja bescheid…

Weil die Empfindung von günstig und teuer ganz individuell ist, lässt sich auf Anhieb nicht klar definieren, was zu teuer ist.

Für den einen ist Fahrradfahren unbezahlbar, für den anderen eine S-Klasse zu günstig. Das ist auch völlig in Ordnung.

➡️ ABER der Gesetzgeber definiert sittenwidrigen Wucher wie folgt:

Sittenwidrigkeit und Wucher 

§ 138 II BGB: Wucher als Spezialfall der Sittenwidrigkeit

Quelle: Juristische Fakultät der Universität Würzburg

Okay, prüfen wir mal durch, ob hochpreisige Coachings legal sind.

Folgende Kriterien müssen alle erfüllt sein: 

(1) Austauschgeschäft: Also Abschluss eines Kauf-, Werks-, oder -Dienstleistungsvertrags (praktisch jeder Austausch von Waren und Dienstleistungen gegen Geld).

(2) Auffälliges Missverhältnis: Überschreitung der „Grenze des Doppelten“ –> d.h. Verkauf eines Produktes, das mindestens doppelt so viel kostet wie ein vergleichbares Angebot (zugrundeliegender Marktwert).

Ein Videokurs auf Plattformen wie Udemy kostet max. 200€. Fair enough: Um die Vergleichbarkeit zwischen hochpreisigen ,,Coachings“ herzustellen, müsste man noch einige Stunden persönlicher Betreuung hinzurechnen, da in vielen ,,Coachings“ auch Livecalls angeboten werden.

Wenn der Experte für persönliche Fragen einen Stundenlohn von 200€ verlangen würde und ca. 2 Stunden persönlich für jeden Teilnehmer (keine Livecalls mit dutzenden Teilnehmern) investieren würde, entstünde insgesamt ein Gegenwert von 600€. Und 2 Stunden sind schon viel, denn viele Teilnehmer kriegen ihren ,,Coach“ nie persönlich zu Gesicht bzw. vor die Kamera.

Zahlreiche ,,Coachinganbieter“ verlangen jedoch das 4- bis 50-fache ‼️ des des tatsächlichen Marktwerts für ein deratiges Produkt. Das stellt aber noch kein Problem dar, richtig entscheidend ist nämlich erst Punkt Nr. 3

(3) Vorliegen und Ausnutzen einer Schwächesituation:

  • Zwangslage
  • Unerfahrenheit
  • Mangel an Urteilsvermögen
  • erhebliche Willensschwäche
    (gemessen an durchschnittlichen Moralvorstellungen) 

Wenn die Gegenpartei das Geschäft informiert und aus freiem Willen abschließt, entstehen keine Probleme.

Viele Teilnehmer von Coachings bzw. Videokursen erfüllen jedoch alle der o.g. Kriterien. Sie sind jung, naiv, unerfahren, unzufrieden und schauen zum Anbieter auf.

Ebenso werden hochgradig manipulative Methoden angewandt.

(4) Ausbeutung: bewusstes Zunutzemachen der Schwächesituation und Kenntnis vom Missverhältnis der Leistung. Die ,,Ausbeutung“ ist erfüllt, denn die Anbieter wissen ja genau, dass ihre Angebote niemals bei einer erfahrenen Community ziehen würden.

Fazit

Ich hoffe es ist klar geworden, dass viele hochpreisige Coachings mit fragwürdigen Methoden die Kriterien für Wucher erfüllen.

Wenn Du also abgezockt wurdest, plädiere unbedingt darauf, dass Du nicht wusstest, dass das Coaching für den gebotenen Wert zu teuer ist und nimm dir einen Anwalt.

Disclaimer: Das ist übrigens keine Rechtsberatung, sondern meine persönliche Meinung.

4 Comments

  • ZEITgeist sagt:

    Die Hürden sind dafür in Literatur als auch in Rechtsprechung bisher (zu Recht) extrem hoch gesetzt. Also nur weil jemand über einen Zoom Call etwas mit etwas Druck verkauft, heißt dass nicht, dass es deswegen Wucher ist (vgl. HK-BGB/Heinrich Dörner, 10. Aufl. 2019, BGB § 138 Rn. 1-19)

    • Und was sagst Du als Mensch zu dem Thema, der die juristische Literatur einmal ausblendet?
      Es ist ja ohnehin meine Meinung und keine Rechtsberatung; der Preis i.V.m. der Art und Weise geht in die Richtung. Einwandfrei zu belegen ist das nicht.

      • ZEITgeist sagt:

        Naja, nach dieser Logik wären ja alle hochpreisigen Produkte „Wucher“. Wucher setzt aber eine Zwangslage voraus. Und ich denke in einer freien Marktwirtschaft kann jeder selbst Entscheidungen treffen wo er gerne Kunde wird und was es ihm das Wert ist. Dafür kann man ja dann z.B. deinen Kriterienkatalog nutzen und die Anbieter auf Herz und Nieren checken. Das ist aber nicht Aufgabe des Strafrechts, noch des Gesetzgebers, den (meistens sind es ja sogar!) Unternehmer vor zu teuren – was ja auch subjektiv ist – Coachings zu schützen.

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